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Mit Jan Ruess um die Welt: Eine Abschiedsreise (Teil 1)

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Dies ist der erste Artikel einer dreiteiligen Reihe von Jan Ruess. Ursprünglich veröffentlich wurde er im  insiDe Blog; er wird zusätzlich hier gezeigt, um ihn einem weiteren Leserkreis zuzuführen. -Groove

Ich denke, unser Autor bedarf keiner Vorstellung. Jan Ruess ist einer der erfolgreichsten deutschen Magic-Spieler aller Zeiten mit satten 111 Pro Points. Über eines seiner Abenteuer als Magic-Profi (welches weit über das Magic-Spiel hinausgeht) berichtet er hier.

Teil 1

Ich weiss noch sehr genau, wie ich damals (das war 2003), als ich anfing Pro Tour Qualifier und ähnliche Turniere zu spielen, dachte:
"Mensch, wäre das toll, wenn es mir gelingen würde mich für ein paar Pro Tours zu qualifizieren und mal ganz oben bei den großen mitzumischen! Aber ich bleib mal lieber realistisch - höchstwahrscheinlich wird das nie passieren! Warum sollte das gerade mir gelingen?"
Jetzt, 7 Jahre später, muss ich schmunzeln wenn ich daran zurück denke. Denn offensichtlich sind solche Wünsche doch nicht ganz unrealistisch: ich musste mich zwar erst etwas hoch kämpfen, aber seit Anfang 2006 habe ich nur zwei Pro Tours verpasst, seit 2007 bin ich "on the train" (also Pro Level 4 oder besser und damit automatisch für alle Pro Tours qualifiziert) und ganz oben mitgemischt habe ich auch - immerhin habe ich über Preisgelder in den letzten Jahren mehr Geld verdient als durch meine Doktorandenstelle.
Wahrscheinlich habe ich in den letzten Jahren den Traum vieler Magicspieler gelebt: ständig in der Welt umherreisen um in interessanten Orten das beste Spiel der Welt zu spielen - und dann auch noch Geld dafür zu kriegen!
Und wenn man bei der Einreise in die USA vom Immigration Officer gefragt wird "What's your occupation?" und man antwortet "Student." und er guckt sich die unendliche Stempelsammlung in meinem Reisepass an und schüttelt nur den Kopf, dann weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat ;)

Magic hat mir zu vielen Reisen verholfen und von einer davon möchte ich hier ein wenig erzählen.
Es stand an die Pro Tour in San Juan, Puerto Rico. Und da man nach Puerto Rico sowieso über eine der amerikanischen Ostküstenstädte fliegt, bot es sich an, den Grand Prix in Washington DC am Wochenende vorher nebenbei auch noch mitzunehmen. Und wo wir grad dabei sind, ich wollte eh noch mit meinem Bruder durch Südostasien backpacken, da kann ich doch die Grand Prix in Sendai (Japan) und Manila (Philippinen), die an den beiden Wochenenden nach der Pro Tour stattfinden, gleich auch noch spielen, bevor ich mich dann mit ihm in Thailand treffe.

GP Washington und PT San Juan

Das Format für alle Grand Prix war Standard. Aber da die Pro Tour im Zendikar-Block-Format gespielt werden sollte und natürlich viel wichtiger war als Grand Prix, musste Standardtesten leider ausfallen. Den einen Tag, den wir vor dem Grand Prix in Washington hatten, wollten wir dann doch lieber mit Sightseeing verbringen als mit Testen. An Sehenswürdigkeiten hat die amerikanische Hauptstadt ja schon einiges zu bieten und da es bei mir schon 13 Jahre her war, dass ich zuletzt dort war, klapperten wir einmal das Weiße Haus, das Capitol, das Lincoln-Memorial und was man sonst noch so sehen muss ab.

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Die Grand Prix-Location war weit weniger spektakulär und lag in Flughafennähe und sonst eigentlich in gar keiner Nähe von irgendwas außer diversen Hotels und Fastfoodläden. Der erste Schock waren die fast 2000 Spieler, die auftauchten. In Europa rechnet man damit, aber in Washington? Seufz, früher war alles noch besser, als die Grand Prix noch 300 Spieler hatten.
Aber immerhin hatte ich meine drei Byes. Die wurden mit Frühstück verbracht (das ist überhaupt das beste an so Byes), waren viel zu schnell vorbei und dann ging's auch schon los.

Ich hatte mir einfach von einem Freund ein Deck in die Hand drücken lassen und mein Plan war, Tag 1 des Grand Prix als Testen zu nehmen, damit ich das Deck dann Tag 2 gut spielen kann. Blieb nur noch das kleine Detail, erst mal Tag 2 zu erreichen. Das erwies sich leider als Problem, denn ich musste schon sehr bald feststellen, dass mein Deck ganz schön schlecht war. Ich spielte eine abgewandelte Version von blau-weiß-Control: grün war für Awakening Zone gesplasht und die kurbelte die Eldrazi-Engine an, bestehend aus Eldrazi Temple, Eye of Ugin und den dicken Männern selbst - jeweils ein Emrakul und Ulamog. Für das Mirrormatch war das sicherlich gut. Ich muss schon sagen, Emrakul zu hardcasten macht ziemlich Spaß! Aber insgesamt war es keine besonders gute Idee in einem dreifarbigen Deck lauter Länder zu spielen, die nur farbloses Mana produzieren. Und natürlich hatte ich Emrakul und Ulamog grundsätzlich IMMER in der Starthand - selbst nach Mulligans war mindestens noch einer der beiden da, grinste mich spöttisch an und sagte: "Hier bin ich!" Das ist eben das Problem daran wenn man Karten in sein Deck tut, die man eigentlich erst später im Spiel gebrauchen kann. Viele Männer kommen öfter mal zu früh ;)

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Die Deutschen beim Block-Testen in Washington

Aber man kann auch alles immer positiv sehen. So hatte ich mehr Zeit zum Testen für die Pro Tour. In die wollte ich doch besser vorbereitet hineingehen als in den Grand Prix. Ich hatte schon zu Hause in Deutschland eine ganze Menge getestet und mir ein Deck um Summoning Trap und Iona zusammengebastelt. Beim Testen in Washington entschied ich mich aber dann doch, ein blau-weißes Controldeck zu spielen und zwar hauptsächlich, weil wir eine sehr gute Version davon gefunden hatten. Das wesentliche daran war eigentlich eine Karte (die zwei mal im Deck war), die ich RICHTIG gut fand und von der wir hofften, dass die meisten anderen das noch nicht rausgefunden hatten (was sich auch als richtig erwies), wodurch wir uns einen Vorteil zu verschaffen hofften. Recurring Insights, aka als "Draw 13". Desweiteren enthielt unsere Liste im Maindeck genau null Kreaturen, um gegnerisches Removal (vor allem Searing Blaze) zu toten Karten zu machen, dafür aber die volle Ladung Planeswalker - 8 Stück. Diese Liste spielte ich auf der Pro Tour:

Jan Ruess - Pro Tour San Juan
Lands
4 Celestial Colonnade
1 Evolving Wilds
6 Island
2 Marsh Flats
1 Misty Rainforest
5 Plains
4 Sejiri Refuge
3 Tectonic Edge

Spells
2 Cancel
4 Day of Judgment
3 Deprive
3 Everflowing Chalice
4 Gideon Jura
2 Into the Roil
4 Jace, the Mind Sculptor
4 Journey to Nowhere
2 Recurring Insight
2 Spell Pierce
4 Spreading Seas

Sideboard
2 Cancel
1 Dispel
3 Kor Sanctifiers
4 Oust
1 Tectonic Edge
4 Wall of Omens

Doch eines nach dem anderen. Mein Flug nach San Juan ging am Dienstag morgen. Untergebracht waren wir zu siebt in einem Apartment: sechs Magicspieler und eine Spielerfrau. Die Arme! Mit unserer Konversation konnte sie recht wenig anfangen. Aber in den letzten Tagen vor einer Pro Tour muss eben noch jede Menge an den Decklisten getüftelt werden. Ständig kommen neue Informationen aus anderen Testgruppen oder von Magic Online-Events rein und dann wird vielleicht doch noch mal die eine oder andere Karte geändert. Die Wall of Omens wanderte bei uns zum Beispiel erst ganz kurzfristig ins Sideboard, nachdem wir gesehen hatten, dass viele Monorot-Listen schon dazu übergegangen waren Flame Slash im Maindeck zu spielen.
Trotzdem blieb uns natürlich noch Zeit, San Juan zu erkunden. Von unserem Apartment waren es fünf Minuten in Flip Flops zum Strand und zehn Minuten mit dem Mietwagen zur Site oder in die Altstadt.

Puerto Rico scheint mir eine Mischung aus USA und typischer Karibik. Es wird nur einfach noch mehr Spanisch gesprochen als in den USA und aufgrund des etwas relaxteren Temperaments werden Verkehrsregeln eher als grobe Richtlinien gesehen und sollte Fastfood unserer Meinung nach in Slowfood umbenannt werden. In so einer Wendy's-Schlange läuft man echt Gefahr zu verhungern. Dafür gibt es eine hübsche Altstadt, die tatsächlich Karibik-Feeling aufkommen lässt und an die Zeiten des Goldhandels und der Piraterie erinnert. Na gut, scheinbar konnte sich doch nicht jeder dafür begeistern. Ich zitiere einen bekannten deutschen Kartenhändler: "Karibik ist ja nur was für Freaks! Es ist endsheiß und es stinkt! Ich geh jetzt gar nicht mehr raus!" Okaaayyy...
Am Abend vor der Pro Tour gab es wie üblich eine Players Party an der Pro Tour Site (1) mit T-Shirts (2), lecker Essen (3), zu lauter Musik (4), und natürlich Draften bis zum Umfallen (5).

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Der erste Tag der Pro Tour verlief für mich gerade gut genug, um am zweiten Tag noch dabei sein zu dürfen. Von den fünf Constructed-Runden gewann ich drei, von den drei Draft-Runden zwei. Damit hatte ich die zum weiterkommen erforderlichen 15 Punkte genau erreicht. Für zwei Drittel aller Spieler ist nach dem ersten Tag bereits Schluss. Der zweite Tag begann mit einem weiteren Draft und es gelang mir ein unglaubliches Manaramp-Deck zu draften, das nicht nur zwei Artisan of Kozilek, sondern auch den Big Boss selber - Kozilek - enthielt und dazu Möglichkeiten, danach zu suchen und unter anderem mit drei Overgrown Battlement und zwei Ondu Giants zu beschleunigen. In einem Spiel gelang es mir trotz Mulligan und obwohl ich Turn 3 und Turn 4 kein Land gelegt hatte, im fünften Zug schon Kozilek auszuspielen. Das Spiel war recht schnell vorbei!

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Von diesem Deck erhoffte ich mir ein 3-0. Fast hätte es auch geklappt. Im Draft-Finale verlor ich das dritte Spiel jedoch leider ganz knapp, so dass mir auch dieses Deck ein 2-1 bescherte.
Nachdem ich die beiden nächsten Constructed-Runden gewonnen hatte, stand ich insgesamt also 9-4 und hatte noch Chancen auf eine sehr gute Plazierung - vielleicht ungefähr Platz 10 wenn ich die verbleibenden drei Runden gewänne.
An dieser Stelle setzte jedoch leider eine fiese Pechsträhne ein, denn die nächsten vier Spiele (also jeweils beide Spiele in den nächsten beiden Runden) weigerte sich mein Deck, auch nur irgendwas zu machen. Ich musste eine Menge Mulligans nehmen und hatte danach entweder kaum Länder oder kaum Spells, so dass ich eigentlich überhaupt nicht mitspielen konnte.
Demnach stand ich vor der letzten Runde 9-6 und musste diese nun gewinnen, um überhaupt noch Preisgeld zu bekommen. Zunächst ging es jedoch genau so schlecht weiter wie in den beiden vorangegangenen Runden. Mein Gegner spielte auch blau-weiß-Control. Er fing das erste Spiel an und legte gleich Turn 2 eine Luminarch Ascension. Diese Karte überhaupt im Maindeck zu spielen ist schon ziemlich reckless, denn gegen alle aggressiven Decks ist sie praktisch tot. Gegen mein Deck jedoch ist sie sehr sehr gut, denn ohne Kreaturen greife ich auch recht wenig an und mache erst Schaden, wenn die Ascension längst aktiv ist. Ich hatte also gerade mal ein getapptes Land im Spiel und im Prinzip schon verloren. Toll!

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Nach dem Sideboarden konnte ich mich immerhin auf den Plan meines Gegners einstellen und seine Luminarch Ascension mit Kor Sanctifiers besiegen. Entschieden wurden Game 2 und 3 im Prinzip dadurch, dass meine Liste besser war als seine und darauf war ich ziemlich stolz, denn genau deswegen hatte ich mich ja für das Deck entschieden. Es wurde von beiden ein bisschen rumgecountert und dann zog ich mit meinem Jace, the Mind Sculptor seinen letzten Counter. Normalerweise ist Jace im Control-Mirrormatch die beste Karte, da alles über Kartenvorteil läuft, deswegen will man ihn eigentlich nie countern lassen, wenn man es vermeiden kann. In diesem Fall war danach jedoch der Weg frei für Recurring Insights und die lieferten dann wie immer so viel Kartenvorteil, dass mein Gegner nicht mehr aufholen konnte. Auch ein über mehrere Runden aktiver Jace meines Gegners konnte im dritten Spiel nicht mit einem Recurring Insights mithalten und so holte ich wenigstens noch den entscheiden letzten Sieg, um es auf Platz 55 zu schaffen, für den ich 5 Pro Points und $ 600 bekam.
Durch die gewonnene letzte Runde endete die Pro Tour für mich auf einer guten Note und deswegen konnte ich mich auch über den kleinen Absturz davor nicht mehr groß ärgern. Ein Moneyfinish ist ja im Prinzip nie schlecht. Obwohl es natürlich auch noch ein wenig mehr hätte sein dürfen - $40000 wären zum Beispiel nicht schlecht gewesen, aber die gingen an diesen Kollegen (den Brasilianer Paulo Vitor Dama da Rosa):

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Auch für uns Deutsche war die Woche, die wir in San Juan verbracht haben, super! Abwechselnd Strand und Magic spielen, dazwischen vielleicht mal essen oder schlafen - so lässt es sich leben!

Soweit zum ersten Teil meiner Reise. Nächste Woche geht es weiter mit allerhand asiatischen Abenteuern und den GPs in Sendai und Manila ...

Vielen Dank für's Lesen,

Euer Jan

Jan Ruess



Artikel:

carbone21 - 18.10.10 - 22:55


Mitglied seit
24.05.02

Gästebuch 
...da ich mich hier nicht extra registrieren muss: Klasse Artikel! Auch der zweite Teil ist absolut lesenswert. Ich kann solchen Berichten ohne play-by-play-Analysen so viel mehr abgewinnen... Danke!


Wichtig ist, dass du immer im Hintergrund die Goblintrommel hörst, mit dem ZoZu und den ganzen anderen Flunkies. Das fette Schiff, mit der riesigen Kanone vorne und dem fetten Afterburner hinten. Und lauter Sounds.

Rabrab - 19.10.10 - 01:40


Mitglied seit
25.11.05

Gästebuch 
Und wenn man bei der Einreise in die USA vom Immigration Officer gefragt wird "What's your occupation?" und man antwortet "Student." und er guckt sich die unendliche Stempelsammlung in meinem Reisepass an und schüttelt nur den Kopf, dann weiß man, dass man etwas richtig gemacht hat ;) <- nice:)


Guter Artikel, Jan.
Darf man der Überschrift entnehmen, dass du aufhören möchtest?
tacitus - 20.10.10 - 01:30


Mitglied seit
18.10.09

Gästebuch 
na das wollen wir nicht hoffen! kann mich auch nur anschliessen und sagen: haste fein gemacht!^^


A CNN reporter, while interviewing a Marine Sniper, asked: "what do you feel when you shoot a terrorist?" The Marine shrugged and replied: "Recoil."
Marines don't die, they only go to hell to regroup. HUAH!

Goblinkönig - 24.10.10 - 03:25


Mitglied seit
18.08.03

Gästebuch 
Respekt. Du hast da definitiv eine Zeit erlebt zu der du später noch mit einem Lächeln zurückblicken kannst.



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